Corporate Newsroom Studie 2026: Standard mit Grenzen
Sieben von zehn Kommunikationsverantwortlichen in der Schweiz arbeiten heute in Organisationen mit Newsroom-Strukturen. Die Corporate Newsroom Studie 2026 zeigt aber auch: Silos bauen sich dadurch nicht automatisch ab.

Corporate Newsroom Studie 2026: Ein Modell setzt sich durch
Das an journalistische Newsrooms angelehnte Organisationsmodell ist in der Schweizer Unternehmenskommunikation endgültig angekommen – das zeigt die Corporate Newsroom Studie 2026. Rund 70 Prozent der insgesamt 216 befragten Kommunikationsverantwortlichen und -expert:innen arbeiten heute in Organisationen mit etablierten Newsroom-Strukturen oder vergleichbaren Varianten. Damit habe sich das Modell in weniger als einem Jahrzehnt von einem innovativen Ansatz zu einem zentralen Organisationsprinzip der strategischen Kommunikation entwickelt, heisst es in der Mitteilung.
Hinter der Studie stehen Forscher:innen der Universität Freiburg, der Hochschule Luzern (HSLU) sowie der Universität Bern. Als Praxispartner fungierte die Berner Agentur Newsroom Communication. Unterstützt wurde die Studie durch einen Innosuisse Innovation Cheque sowie durch SBB und Axpo. Die standardisierte Online-Befragung wurde in der Deutschschweiz und der Romandie im November und Dezember 2025 durchgeführt. Die Angaben zur Leistungsfähigkeit beruhen auf Selbsteinschätzungen der Befragten.
«Diese Ergebnisse zeigen, dass Corporate Newsrooms kein Nischenphänomen mehr sind», erläutert Tobias Rohrbach von der Universität Freiburg, Leiter der Forschergruppe. «Besonders die COVID-19-Pandemie hat Organisationen verstärkt zu integrierten und themenorientierten Arbeitsweisen bewogen. Dies hat sich bis heute verfestigt.»
Vielfalt statt Einheitsmodell: Wie Newsrooms wirklich aussehen
Die Studie macht deutlich, dass es kein «one best way» für die Newsroom-Implementierung gibt. Stattdessen zeige sich eine hohe Varianz in der praktischen Ausgestaltung. Die typischen Newsrooms in der Schweiz seien relativ jung – durchschnittlich 4,4 Jahre alt – und befänden sich oft noch in einer Konsolidierungsphase. Ihre Grösse variiere erheblich, wobei die meisten Teams aus maximal zehn Personen bestünden.
Ein weiterer zentraler Befund: Newsrooms funktionieren weniger als zentrale «Machtzentren» als vielmehr als Koordinationsmechanismen der Kommunikation. Sie integrierten die klassischen Kommunikationsdisziplinen in den meisten Fällen, während Marketing und andere Bereiche je nach Organisation unterschiedlich und oft durch flexible Rollen statt formaler Strukturen eingebunden seien.
Messbare Vorteile bei Reaktionsfähigkeit und Themensteuerung
Die Corporate Newsroom Studie zeigt signifikante Performance-Unterschiede zwischen Organisationen mit und ohne Newsroom-Struktur. Der Vorteil zeige sich besonders in vier Dimensionen: Befragte aus Newsrooms schätzten ihre Reaktionszeit auf Trends und Krisen besser ein als jene ohne entsprechende Strukturen. Ebenso werde die Medienpräsenz positiver bewertet. Hinzu komme eine effizientere Ressourcennutzung in der täglichen Kommunikationsarbeit sowie eine bessere Kontrolle über die behandelten Kommunikationsthemen. Die Studie kommt zum Schluss, dass Newsrooms die operative Schlagkraft der Kommunikation erhöhten – nicht nur hinsichtlich Geschwindigkeit, sondern auch in Bezug auf Messbarkeit und Steuerbarkeit.
Überraschende Grenzen: Silo-Abbau funktioniert nicht automatisch
Allerdings stellt die Studie auch traditionelle Annahmen in Frage. Das vielfach propagierte Ziel des Silo-Abbaus durch Newsrooms werde in der Realität weniger deutlich erreicht als erwartet. Befragte mit und ohne Newsrooms berichteten ähnlich häufig von «Silodenken». Dies deute darauf hin, dass strukturelle Reorganisation allein nicht ausreiche, um organisationskulturelle Integrationsprobleme zu lösen. Gezielte Change- und Kulturmassnahmen seien demnach unabdingbar.
KI-Offenheit trifft auf mangelnde Ressourcen
Beim Thema Künstliche Intelligenz zeige sich ein Spannungsverhältnis: Schweizer Kommunikationsabteilungen seien KI gegenüber grundsätzlich sehr aufgeschlossen (Zustimmungswert: 4,32 von 5). Gleichzeitig würden oft keine spezifischen Ressourcen bereitgestellt (Zustimmungswert: 3,21 von 5). Tools wie ChatGPT, Perplexity oder Microsoft Copilot hätten zwar Einzug in den Kommunikationsalltag gehalten, häufig jedoch explorativ und ad-hoc – nicht als Teil einer durchdachten Governance-Strategie.
Aus den Erkenntnissen leiten die Forscher:innen sechs Implikationen für die Praxis ab: Agile Rollenmodelle seien der stärkste Hebel für Wirkung – stärker als formale Strukturveränderungen. Themensteuerung erfolge oft implizit, weshalb formalisierte Steuerungsinstrumente Professionalisierungspotenzial böten. Kommunikationscontrolling werde zum zentralen Legitimationsinstrument für Newsrooms, insbesondere bei Output- und Performance-Messung. KI-Governance-Strukturen fehlten vielen Organisationen. Und schliesslich liege der grösste Hebel in Kultur, Prozessen und Führung – nicht in der Struktur allein. Erfolgreiche Newsrooms seien organisationsgetrieben, nicht nur strukturgetrieben.
Die vollständige Corporate Newsroom Studie 2026 ist hier kostenlos abrufbar
